Dieses Startup macht Kopfhörer für Kinder nach dem Toniebox-Prinzip


Die Kekz-Gründer Adin Mumma (l.) und Carl Taylor machen kabellose Kopfhörer für Kinder, die mit Audio-Chips funktionieren.

Die Kekz-Gründer Adin Mumma (l.) und Carl Taylor machen kabellose Kopfhörer für Kinder, die mit Audio-Chips funktionieren.
Kekz

Autofahrten mit Kindern können sich manchmal endlos anfühlen. Vor allem, wenn das Benjamin Blümchen-Hörspiel zum gefühlt hundertsten Mal durch die Lautsprecher oder das Handy der Eltern dudelt. So ging es auch Carl Taylor, Gründer und Vater von drei Kindern, der sich bei einer dieser Fahrten mit seiner damals zweieinhalbjährigen Tochter eine mobile Toniebox herbeisehnte. „Ich nehme die nie mit. Zwar liebt meine Tochter die und benutzt sie ständig zu Hause, aber eine richtige Lösung für unterwegs ist das nicht.“ Denn um ihn zu tragen, ist der Musikwürfel eigentlich zu schwer und unhandlich. Kinder stattdessen mit einem Smartphone abzulenken, sieht Taylor jedoch skeptisch. Nicht nur, weil von seiner Tochter schon wichtige Anrufe versehentlich weggedrückt wurden. „Meine Kinder werden immer total nervös und unausgeglichen, wenn sie zu viel Screentime haben“, so der Münchener.

Taylor dachte an seine eigene Kindheit: Früher hat das Aufsetzen des Walkmans oder das Reinklicken des Tetris-Spiels in den Gameboy ein Glücksgefühl bei ihm ausgelöst. Für Taylor war dieser Moment die „Initialzündung“ zu seiner Idee: Ein kabelloser, zusammenfaltbarer Kopfhörer für Kinder, an den sich außen bunte Knöpfe reindrücken lassen und Hör-Geschichten sofort abspielen. Die für ihn perfekte Verbindung aus Tonies und Walkman.

Seinem Freund Adin Mumma erzählte er bei der Silvesterfeier 2019 davon. Und der Industriedesigner, ebenfalls Vater von drei Kindern, überlegte nicht lange. Im Frühjahr 2020 gründeten beide das Startup „Kekz“. Der Name kam Mumma in den Sinn, als er mit seinem Sohn in der Küche stand und der damals Vierjährige seine Mutter nach Keksen fragte. Eine Süßigkeit für die Ohren, die Kinder ebenso gerne konsumieren – das soll Kekz ausdrücken. Gleich darauf begaben sich die Gründer mit ihrem MVP auf die Suche nach Investoren. Dabei erwiesen sich Taylors Verbindungen in die Musik-Branche als hilfreich: Der Münchener hatte zuvor 15 Jahre lang für Sony Music als Brandmanager gearbeitet und Künstlern wie Fanta 4, Silbermond, Pink und AC/DC bei der Vermarktung ihrer Alben geholfen und sie bei Videodrehs begleitet. Zu Peter Maffay hat Taylor bis heute einen besonderen Draht – ihn gewann er als ersten Investor für sein Projekt.

„Er war der perfekte Business Angel für uns, weil er zum einen eine bekannte Persönlichkeit ist, um eine gute Geschichte zu erzählen“, sagt Taylor. Kinder kennen den Musiker bis heute aus Tabaluga – das ist einer kleiner Drachen, den Maffay mit Rolf Zuckowski und Musiktexter Gregor Rottschalk erfand. Maffay widmete der Fabelfigur mehrere Alben und ein Musical. „Zum anderen ist er selbst Vater. Er hat dieses Problem auch erkannt, da er selbst zu dem Zeitpunkt eine kleine Tochter hatte,“ so Taylor weiter.

Maffay ist dabei nicht nur finanzieller Sponsor: In seinen Aufnahmestudios produziert das Startup heute eigene Audio-Geschichten der selbst erdachten „Cookie Crew“, einer Bande von keksliebenden Tieren, die zusammen die Welt entdecken und verschiedene Länder bereisen. „Wir kreieren neben Kekz eine unabhängige Hörspielmarke, auf der wir aufbauen können“, sagt Taylor. Damit künftig auf Plattformen wie Spotify zu gehen, schließen die Gründer nicht aus.

Mitgründer Mumma, der ursprünglich aus Philadelphia in den USA kommt, unterhält derweil wichtige Kontakte nach Asien. Dort produziert Kekz heute seine Kopfhörer für Kinder. Nach München kam der Designer vor zehn Jahren, um für Westwing eine eigene Produktsparte aufzubauen. In Shenzhen produzierte und beschaffte er Produkt-Samples und brachte sie nach Deutschland. Danach entwickelte Mumma mit einem Freund in seiner ersten eigenen Firma dekorative Bluetooth-Speaker – sein Übergang in den Tech-Bereich. Das Design von Hardware und Software der Kekz-Hörer stammen daher auch von ihm.

Eltern haben Ruhe, Kinder sind beschäftigt – die Idee hinter Kekz.

Eltern haben Ruhe, Kinder sind beschäftigt – die Idee hinter Kekz.
Kekz

Auf den ersten Blick sehen die Kopfhörer in blau und rot aus, wie gewöhnliche Modelle, die man außen auf die Ohrmuschel setzt. Sie unterscheiden sich auf der linken Seite allerdings durch eine kreisrunde Vertiefung, in der ein magnetisches Kontaktfeld eingebaut ist. In dieses klicken Kinder die Hörspiel-Buttons rein, die mit einem NFC-Chip ausgestattet sind. Der Chip funktioniere dabei wie ein Schlüssel: Die auf dem Hörer gespeicherten Daten, also Audio-Geschichten von Bibi Blocksberg, Conni, Feuerwehrmann Sam und Co., werden freigeschaltet und spielen sofort ab – ohne, dass eine Internetverbindung nötig ist.

Auf der rechten Seite können Kinder die Wiedergabe steuern: Durch einmal Drücken zum nächsten Titel gelangen oder durch zweimal Klicken bis zum letzten Titel vorspulen. Über einen Schalter lässt sich zudem die Lautstärke in drei Stufen regulieren, wobei sie immer unter 85 Dezibel bleibt.

Bernhard Junge-Hülsing vom Deutschen Berufsverband der HNO-Ärzte erklärt, dass 85 Dezibel als Dauerbeschallung für Kinder zu laut sind. Er ordnet ein : „Allerdings sind gerade bei Hörspielen nicht Dauerschallpegel vorhanden, sondern nur Schalldruckspitzen wie ‚Törööh’“. Diese sollten den Grenzwert dem Experten zufolge nicht überschreiten, wenn sie auf das Trommelfell treffen.

Beim Herausnehmen des Kekz-Chips stoppt die Wiedergabe abrupt – so wie bei der Toniebox. „Es ist sehr intuitiv. Die Stopp-Taste wird bei uns in eine physische Bewegung umgewandelt. Das macht für Kinder die Magie aus“, sagt Gründer Mumma.

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Bislang seien 300 Alben auf den Hörern vorinstalliert. Rund 100 Chips mit Hörspielen für Kinder zwischen drei bis sieben Jahren sind den Gründern zufolge derzeit im Markt erhältlich. Durch Updates lasse sich die Audiothek auf dem Hörer künftig erweitern. Zum Beispiel auch durch einen selbstbespielten „Wunderkekz“, den die Gründer in Anlehnung an den Kreativ-Tonie eingeführt haben. Überhaupt betont Taylor: „Wir haben alle Lizenzen, die Tonies auch hat – auch Disney.“ Mit insgesamt 24 deutschen Buchverlagen, darunter Carlsen, Oetinger und Der Audio Verlag, arbeite das Startup zusammen. Taylors Erfahrung im Lizenzgeschäft zahlt sich für das Unternehmer-Duo auch hier aus.

Kekz hebt sich von der Konkurrenz ab

Dass die Technik hinter Kekz recht simpel ist, hat laut Mumma zwei Gründe. Zum einen gehe es darum, technische Features bei einem Hardware-Produkt für Kinder nur dort anzubringen, wo sie auch sinnvoll sind. Dazu der Gründer: „Viele gehen auf das Thema Künstliche Intelligenz und entwickeln elektronische Geräte für Kinder. Die Frage ist aber nicht, ob wir es können, sondern ob wir das sollten.“ Ihre Kopfhörer für Kinder mit dem „Internet of Things“ zu verbinden, damit sie mit anderen smarten Geräten interagieren können, lehnt der US-Amerikaner ab. Zum anderen will das Startup mit seinem Kopfhörer einen erschwinglichen Preis bieten.

Ein Kekz-Kopfhörer kostet rund 70 Euro, die dazugehörigen Chips jeweils rund zwölf Euro. Zudem ist die Konkurrenz im Markt noch überschaubar: Zwar bietet Tonies für rund 35 Euro einen Kopfhörer an, der sich per Kabel mit der Box verbinden lässt, sodass Kinder auch im Stillen Musik hören können. Optimal für unterwegs ist das immer noch nicht. Ähnlich ist es bei Wettbewerber Tigermedia aus Hamburg, der eine Art Spotify für Kinder aufgebaut hat. Über die App können Kinder Hörspiele und Lieder auf dem Handy streamen oder als Audiokarten in eine Musikbox stecken. Für leises Abspielen gibt es ebenfalls einen kabellosen Kopfhörer, der knapp 50 Euro kostet und sich via Bluetooth mit Smartphone, Tablet oder Tiger-Box verbinden lässt. Ein ähnliches Modell hat zudem das niederländische Startup Pogs entwickelt. Unabhängig von anderen technischen Geräten funktionieren diese Kopfhörer jedoch nicht.

Mumma und Taylor sehen Kekz deswegen als „neues Medium“ an. Zudem wollen die Gründer bessere Sound-Qualität als ihre Wettbewerber bieten. Dazu Mumma: „Ein guter Sound bedeutet, dass die Artikulation von Stimmen und Gesprächen klar ist. Dann müssen Kinder die Lautstärke auch nicht sehr aufdrehen.“ Im Unterschied zu anderen Kopfhörer-Anbietern würde ihr System daher nicht von oben den Sound von Audiodateien runterschrauben, sondern beim Mastering unten ansetzen. HNO-Arzt Junge-Hülsing rät Eltern dennoch, elektronische Spielzeuge wie Kopfhörer nur stundenweise zu nutzen und zwei Stunden nicht zu überschreiten. „Lärmpausen sind wichtig, das gilt auch für lange Autofahrten von Nürnberg nach Rimini“, so der Experte. Zudem gilt: „Je länger die Nutzungsdauer am Stück ist, umso lauter wird gehört, bei Kindern wie bei Erwachsenen.“

Playmobil investiert in die Kopfhörer für Kinder – und ebnet den Weg für den Einzelhandel

Zwei Jahre nach der Markteinführung haben die Gründer rund 80.000 Kopfhörer und 218.000 Audio-Chips verkauft. Auf das Weihnachtsgeschäft setzte das Unternehmen zuletzt große Hoffnungen. Passend zum Black Friday hatten die Gründer online eine Aktionswoche mit Rabatten gestartet. „Schon kurz nach dem Launch sind bei uns Warenkörbe über 200 bis 400 Euro eingegangen“, schildert Taylor. Dadurch, dass Kekz ein Produkt für unterwegs bietet, würden Kunden immer dann auffällig viel bestellen, wenn Ferien bevorstünden.

Neben Weihnachten zählen somit Ostern und die Sommerferien zu den umsatzstärksten Phasen, so Taylor. Dabei verkaufen die Unternehmer ihre Produkte nicht nur über ihren eigenen Onlineshop und Laden in München-Haidhausen. Inzwischen bieten sie ihre Kopfhörer auch bei Amazon, Spielwarenhändlern wie MyToys, Babyausstatter Babywalz, der Buchhandlung Thalia, Drogeriemarkt Müller sowie in großen Supermarkt-Ketten an. Dazu gehören etwa Coop in der Schweiz und Interspar in Österreich. Um in den Einzelhandel zu kommen, hat dem Startup ein weiterer strategischer Investor geholfen: Seit Ende 2022 beteiligt sich die Brandstätter Group, die Playmobil herstellt, an Kekz. Dazu Taylor: „Wir wollten keine VCs oder Banken reinholen, wie das andere Startups machen. Wir schulden niemandem Geld.“ Er und Mumma halten noch 60 Prozent an ihrem Unternehmen.

Um den internationalen Aufsprung nach Europa und später in die USA zu schaffen, setzen die Gründer auf mehr Präsenz an Flughäfen. Einerseits, indem sie ihre Kopfhörer in Dutyfree-Shops anbieten. Andererseits hat das Startup für die Lufthansa eigene Kopfhörer entworfen, die am Frankfurter Flughafen in der Lounge für Familien ausliegen. Bei den Lizenzdeals, die Taylor heute abschließt, achte er bereits darauf, sich über die DACH-Region hinaus Tonrechte zuzusichern. Im nächsten Jahr wollen sich die Gründer noch auf den dreisprachigen Raum fokussieren. Ab 2025 solle die Expansion nach Italien, Frankreich und Großbritannien anlaufen. Zwar seien Hörspiele vor allem in Deutschland populär. „Das Problem, seine Kinder auf Reisen zu bespaßen, endet aber nicht vor den Ländergrenzen.“ Profitabel ist Kekz noch nicht. Das Jahr 2023 ohne hohe Verluste zu beenden und 2024 endlich die Gewinnzone zu erreichen, sei das große Ziel, erklärt Taylor. In dem Punkt könnten die Münchener Tonies sogar noch zuvorkommen.

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