Ihr fühlt euch im neuen Job fremd? Das rät euch eine Expertin


(Symbolbild) Ihr kommt partout nicht in eurem neuen Job an und fühlt euch auch nach Monaten noch fremd? Das rät eine Personalexpertin.

(Symbolbild) Ihr kommt partout nicht in eurem neuen Job an und fühlt euch auch nach Monaten noch fremd? Das rät eine Personalexpertin.
Getty Images/ Maskot

Es gibt viele Gründe, warum Menschen partout nicht mit ihrem neuen Job warmwerden und das Gefühl haben, nicht so richtig anzukommen: etwa ein fehlendes Onboarding seitens des Chefs, unklare Aufgaben oder das Team.

Judith Bayer, Personalerin und Karriere Coachin aus Baden-Württemberg, empfiehlt im ersten Schritt, mutig zu sein und auf andere zuzugehen, die Sache also selbst in die Hand zu nehmen.

Hilft am Ende alles nichts, rät die Expertin auch vor einem Jobwechsel nicht zurückzuschrecken. „Ihr erspart euch viel Leid und Frust, wenn ihr Strukturen schnell wieder verlasst, die euch nicht guttun und sich nicht ändern werden“, so die Expertin.

Am ersten Tag im neuen Job ist es ein bisschen so wie früher auf dem Schulhof. Man hat Angst, dass die anderen einen nicht mögen und möchte unbedingt dazugehören. Im besten Fall verfliegt dieses Gefühl nach einiger Zeit von selbst: Die fremden Kollegen werden zu Vertrauten oder sogar Freunden, die Aufgaben gehen immer leichter von der Hand und irgendwann ist man so richtig angekommen. Aber was, wenn sich dieses Gefühl einfach nicht einstellen will? Was, wenn man nicht richtig ankommt im neuen Job?

Wenn der Bauch sagt: Hier stimmt was nicht

63 Prozent der Arbeitnehmer sind aktuell an einem Jobwechsel interessiert – die Zahlen sind so hoch wie lange nicht mehr, zeigt eine Umfrage von Ernst & Young. Laut der Unternehmensberatung McKinsey lohnt sich der Wechsel vor allem finanziell: Im Schnitt sind bis zu 30 Prozent mehr Gehalt drin. Aber Geld allein ist nicht alles. Was, wenn der Worstcase eintritt und der neue Job sich auch nach Wochen oder sogar Monaten fremd anfühlt?

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Zuerst die gute Nachricht: Wie lange ihr braucht, um euch in eurem neuen Job wohlzufühlen, ist individuell: „Es gibt Menschen, die sind eine Woche in einem Unternehmen und kennen jeden. Dann gibt es andere, häufig introvertiertere Menschen, die sind auch nach Probezeit noch nicht richtig angekommen“, so Judith Bayer, Personalerin und Karriere Coachin aus Baden-Württemberg. Ihre Faustregel: Wer sich nach über sechs Monaten im neuen Job noch nicht angekommen fühlt, bei dem läuft wahrscheinlich etwas schief. 

Ein guter Indikator ist das eigene Bauchgefühl: „Wenn der Bauch grummelt, ihr das Gefühl habt, jeden Satz genau abzuwägen und Zuhause eine komplette andere Persönlichkeit habt als im Büro, ist das immer ein Zeichen dafür, dass ihr euch nicht richtig wohlfühlt“, so Bayer. Eins ist klar: Professionelles Verhalten im Job unterscheidet sich natürlich vom Verhalten im Privatleben. Aber Bayer meint: Zu groß sollte die charakterliche Lücke zwischen Job und Zuhause nicht sein.

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Wie gut ihr im neuen Job ankommt, hängt vor allem an einer Person  

Laut der Expertin habt ihr selbst aber gar nicht den größten Anteil an einem erfolgreichen Onboarding, sondern euer Chef. „Es ist die Verantwortung der Führungskraft dafür zu sorgen, dass der Einstieg im neuen Unternehmen gelingt. Ideal ist es, wenn der Mitarbeitende für einige Stunden in alle Abteilungen reinschnuppert und so auch gleich alle Kollegen persönlich kennenlernt“, so Bayer. Außerdem empfiehlt die Personalerin ein softes Onboarding: „In der ersten Woche sollte niemand mit Aufgaben zugeschüttet werden, sondern Zeit haben, das Unternehmen in Ruhe kennenzulernen: Was sind wichtigsten Abteilungen, Abläufe und Meetings? Wo kann ich Mittagessen gehen?“, zählt Bayer auf.

Obendrein wichtig: „In der Probezeit braucht es viel Feedback. Im besten Fall gleich mehrere Gespräche in der ersten Woche. Das Schlimmste, was ein Chef tun kann, ist einen Mitarbeiter einfach auf seinen neuen Platz zu setzen und ihn sich selbst zu überlassen. Die Gefahr, dass das schiefgeht, ist hoch“, erklärt Bayer.

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Mutig sein wird belohnt

Aber was könnt ihr selbst tun, um euch die erste Zeit zu erleichtern? „Mutig sein, wird belohnt“, sagt Judith Bayer und meint: Traut euch in die volle Kaffeeküche und fangt ein Gespräch an. Oder: Schließt euch proaktiv bei einem Mittagessen an. Weitere Optionen: Vielleicht gibt es Sportgruppen oder Veranstaltungen im Unternehmen, bei denen ihr mitmachen könnt. In jedem Fall: Jede Chance nutzen, in Kontakt zu kommen, rät die Personalerin, auch wenn das anfangs sicherlich Überwindung kostet.

Aufgaben, die auch der Chef nicht kennt

Doch es gibt Situationen, da bleibt der neue Job fremd, egal, wie sehr ihr euch bemüht.  „Manchmal werden Stellen geschaffen, bei denen keiner eigentlich genau weiß, welche Aufgaben sie beinhalten. Dann weiß weder der Chef noch das Team, was man eigentlich machen soll. Den betreffenden Mitarbeiter kann das verwirren und ihm oder ihr das Gefühl geben: Ich bin hier überflüssig“, so Bayer.

Ihr Tipp für solche Fälle: Habt Geduld. Sie sagt: „Es kann schonmal ein paar Wochen dauern, bis klar ist, welche Aufgaben diese Stelle beinhaltet.“ Anders sei es bei etablierten Stellen, deren Struktur seit Jahren feststeht. Wer hier merkt, dass die Aufgaben sich anders darstellen als vorab besprochen, sollte das schnell ansprechen. „Am besten direkt bei der Führungskraft sachlich und ohne Emotionen nachfragen, in dem ihr zum Beispiel sagt: Wir hatten im Vorstellungsgespräch besprochen, dass ich bestimmte Aufgaben übernehme, bisher ist das nicht passiert. Wann genau wird denn die Aufgabe auf mich zukommen?“, rät Bayer.

Ein großes Problem: Wenn zwischen Vorstellungsgespräch und Einstellung mehrere Wochen oder Monate liegen, kann sich in der Zeit im Unternehmen einiges geändert haben. Vielleicht sind Projekte weggebrochen oder neue dazu gekommen. Vor solchen Änderungen ist leider niemand gefeit. Ebenso wenig wie vor leeren Versprechungen im Bewerbungsgespräch – ein weiterer Grund, der euch später das Ankommen erschwert: „Es gibt leider Führungskräfte, die sich in Bewerbungsgesprächen gerne reden hören und das Gesagte vergessen haben, wenn sie aus der Tür gehen. Solche falschen Versprechungen passieren ohne böse Absicht, sind aber für den Mitarbeiter besonders bitter“, so Bayer. Auch hier helfe nur das offene Gespräch – und die Frage, ob und wann die versprochenen Aufgaben noch auf einen zukommen.

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Wenn das ganze Team nicht passt, wird es schwierig

Was vielen den Einstieg in neue Stelle außerdem erschwert, ist, wenn es zwischenmenschlich so gar nicht passt: „Das soziale Gefüge ist das A und O. Wenn es mit einem Kollegen nicht stimmt, ist das kein Problem. Wenn das ganze Team nicht passt, wird es schwierig“, erklärt Judith Bayer. Das bestätigen auch Studien: Laut einer Befragung des Software-Unternehmens Capterra, ist es für 68 Prozent der Mitarbeiter wichtig oder sehr wichtig, engere soziale Beziehungen oder sogar Freundschaften am Arbeitsplatz zu pflegen.

Judith Bayer hat auch gleich einen Tipp parat, was ihr tun könnt, wenn es mit den Kollegen hakt: „Im besten Fall kann man das Team vor dem Antritt der Stelle kennenlernen oder sogar einen Probetag vereinbaren. Auch Job-Portale wie Kununu können einen kurzen Eindruck über eine Stelle geben“, sagt die Personalerin. Dafür ist es allerdings zu spät, wenn ihr bereits auf der Stelle sitzt.

„Es gibt alteingesessene Teams, in denen viel gelästert wird. Hier habt ihr häufig nur die Wahl zwischen mitlästern, um dazuzugehören oder nicht mitzumachen und vermutlich der Außenseiter zu bleiben“, so Bayer. Helfen können Gespräche mit der Führungskraft, in denen man um Hilfe bittet. Etwa so: Hätten Sie vielleicht einen Tipp, wie ich damit umgehen kann? „Alternativ kann man schauen, dass man sich zumindest in den Pausen anderen Kollegen anschließt“, schlägt Bayer vor.

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Wenn es partout nicht passt

Das Bittere: Wenn einmal so richtig der Wurm in der neuen Stelle drin ist, kann es schwer werden, noch gut im Unternehmen Fuß zu fassen. Bayer sagt: „Wenn die Aufgaben und die Kollegen nicht passen und es keine Chance auf Änderungen wie einen internen Wechsel gibt, bleibt häufig nur die Option, sich wieder nach einem neuen Job umzuschauen.“ Was erstmal schlimm klingt (denn wir alle wissen, wie aufwendig Bewerbungsprozesse sind), ist am Ende eigentlich ein Gewinn.

„Ihr erspart euch viel Leid und Frust, wenn ihr Strukturen schnell wieder verlasst, die euch nicht guttun und sich nicht ändern werden“, so die Expertin. Über den Lebenslauf sollte man sich dabei keine Gedanken machen: „Es ist nicht ungewöhnlich, auch mal eine kurze Station auf dem Lebenslauf stehen zu haben“, so Bayer. Solange ihr kein ständiges Job-Hopping macht, haben sowohl Personaler als auch Führungskräfte Verständnis dafür.

Das Wichtigste für euch: Seht die Zeit nicht als Verlust an –, sondern versucht es schnell innerlich abzuhaken. „Niemand kann hellsehen. Und man weiß leider erst, wie ein Job wirklich ist, wenn man ihn angetreten hat“, sagt Bayer pragmatisch.

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