Industriekonzern Körber: Mit radikalen Klimazielen zu mehr Erfolg


Erich Hoch, Vorstand der Körber AG.

Erich Hoch, Vorstand der Körber AG.
Körber AG

Die Hamburger Körber AG ist ein internationaler Industriekonzern mit rund 13.000 Beschäftigten und mehr als 2,5 Milliarden Euro Umsatz.

Körber verfolgt ehrgeizige Klima-Ziele und will die Emission von Treibhausgasen bis 2040 um 90 Prozent verringern. Dabei bezieht Körber sogar Zulieferer und Kunden mit ein – und lässt sich beim „Netto-Null-Ziel“ an wissenschaftlichen Standards messen.

Warum Körber den Klimaschutz forciert, wie der Konzern das macht und warum das gut für das Geschäft sei, erzählt Körber Vorstand Erich Hoch.

Der Industriekonzern Körber hat große Ziele. Wirtschaftlich wollen die Hamburger Gewinne erzielen, natürlich. Mit ihren Maschinen, ihrer Technoloigie und ihrem Wissen wollen sie wachsen, neue Märkte erobern. Doch mindestens ebenso ehrgeizig ist Körber beim Klimaschutz. Bis 2040 will Körber alle Treibhausgasemissionen auf Netto-Null reduzieren. Und das in einer strengen Definition, die sogar Lieferanten und Kunden einbezieht. Ein Widerspruch? Nicht für Vorstand Erich Hoch. Er sagt: „Für uns ist das auch ein Faktor für unseren wirtschaftlichen Erfolg“.

Mit dem Top-Manager habe ich darüber gesprochen, woher Körbers Klima-Ehrgeiz kommt? Wie geht der Industriekonzern die Redzuierung seines Footprints an? Und wie passen radikale Nachhaltigkeit und wirtschaftlicher Erfolg zusammen?





Die Körber AG – Weltkonzern aus Hamburg


Die Körber AG mit Sitz in Hamburg ist ein internationaler Technologiekonzern mit rund 13.000 Beschäftigten an über 100 Standorten weltweit. Kurt A. Körber gründete das Unternehmen 1946 unter dem Namen Hauni und machte es mit Maschinen zur Zigaretten-Herstellung erfolgreich. Heute ist Körber in den Geschäftsfeldern Digital, Pharma, Supply Chain und Technologies aktiv. Der Konzern erzielte 2022 einen Umsatz von 2,5 Mrd. Euro.

Kurt Körber brachte sein Vermögen zu Lebzeiten in die bereits 1959 gegründete Körber Stiftung ein, die heute alleinige Besitzerin der Körber AG ist. Die Körber-Stiftung ist in den Feldern „Wissen für morgen, internationale Verständigung, lebendige Bürgergesellschaft sowie Kulturimpulse für Hamburg“ aktiv.

Netto-Null bis 2040: Die Klimaziele der Körber AG

Körber hat sich für den Konzern mit seinen weit über 100 Standorten auf diese Ziele verpflichtet:

  • Kurzfristig bis 2027: Verringerung der Treibhausgasemissionen in den eigenen Unternehmen (Scope 1 und 2) um 29,4 Prozent im Vergleich zu 2021. Verringerung der Emissionen in vor- und nachgelagerten Bereichen – etwa bei Zulieferern und Nutzern der Körber-Produkte (Scope 3) – um 17,5 Prozent. 
  • Langfristig bis 2040: Verringerung aller Treibhausgasemissionen im Vergleich zu 2021 um 90 Prozent. (Scope 1, 2 und 3)
  • Transparenz: Körber definiert seine Ziele im Einklang mit der Klimawissenschaft. Das „Net Zero“-Ziel wurde von der Science Based Targets (SBTi) Initiative geprüft und bestätigt.

Warum arbeitet Körber nach den SBTi-Standards?

Selbstverpflichtungen von Unternehmen sind ein heikles Feld. Immer wieder gibt es Kritik an Konzepten, mit denen CO2-Bilanzen gemessen und Emissionen kompensiert werden. „Wir haben uns bei der Festlegung unserer „Net Zero“-Ziele für den SBTi-Standard entschieden, weil da Wissenschaft dahintersteht“, betont Hoch. „Das ist uns wichtig.“ SBTi sei in diesem Zusammenhang der weltweit einzige klimawissenschaftlich fundierte Standard.“





SBTi: Die Science Based Targets Initiative


Die „Science Based Targets Initiative“ (SBTi) ist eine nicht staatliche Initiative, die Unternehmen dabei hilft, wissenschaftlich fundierte Ziele für den Klimaschutz festzulegen und zu erreichen. Weltweit haben sich rund 4.000 Unternehmen der SBTi angeschlossen. Sie repräsentieren rund ein Drittel der globalen Wertschöpfung.

Die Initiative hat das Ziel, dass Unternehmen weltweit ihre Emissionen bis 2030 halbieren und bis 2050 auf null reduzieren. Sie bewertet und bestätigt Nachhaltigkeitsziele von Unternehmen unabhängig. Neben den Emissionen der Unternehmen selbst (Scope 1 und 2) nehmen die Ziele auch die vor- und nachgelagerten Stufen in den Blick, also Zulieferer und Kunden der teilnehmenden Firmen.

Die SBTi arbeitet mit dem „Carbon Disclosure Project“ (CDP), dem „United Nations Global Compact“, dem „World Resources Institute“ (WRI), dem „World Wide Fund for Nature“ (WWF) zusammen und ist ein Standard der „We Mean Business Coalition“.

„Unsere Kunden verlangen von uns beim Thema Nachhaltigkeit volle Transparenz“, betont Hoch. Dafür sei der SBTi-Standard wichtig.

In der SBTi-Definition bedeutet „Net Zero”, dass die Emissionen von Treibhausgasen um 90 Prozent verringert werden. Maximal zehn Prozent der in CO2-Äquivalente (CO2-e) umgerechneten Emissionen dürfen kompensiert werden. „Eine wichtige Rolle spielt dabei auch das Thema CO2-Capturing, also CO2 aus der Atmosphäre zu holen und wieder in den Kreislauf zurückzuführen“, sagt Hoch. „Als Technologie-Konzern beschäftigen wir uns auch mit solchen Lösungen, auch wenn wir hier noch ganz am Anfang stehen.“

Stolz ist Hoch, dass Körber sich auf „Net-Zero“ mit dem Scope 3 dazu verpflichtet, auch alle Emissionen im Zusammenhang seiner Aktivitäten bei Zulieferern, Dienstleistern und Kunden zu reduzieren. „Auf unserem Weg zu „Net Zero“ müssen wir mit zigtausenden Lieferanten und hunderten Kunden reden und vor allem zusammenarbeiten“, sagt Hoch. Die folgende Grafik zeigt die unterschiedlichen Felder (Scopes) für die Verringerung der Emissionen über das eigene Unternehmen hinaus.

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Warum hat sich Körber hohe Klimaziele gesetzt?

„Wir verfolgen unsere ambitionierten Nachhaltigkeitsziele aus Überzeugung, Verantwortung und unserer Haltung“, sagt Hoch. Das klingt ein wenig nach Werbebroschüre. Doch Hoch kann Körbers Anspruch unterfüttern.

Eine Rolle spielt dabei Gründer und Namensgeber Kurt A. Körber. Er rief schon Ende der 50er-Jahre die Körber-Stiftung ins Leben, die sich für gesellschaftlichen Zusammenhalt engagiert. Er verfügte schon in den 60er-Jahren, dass die Stiftung nach seinem Tod alle Anteile des Unternehmens halten solle. Und Körber benannte schon in den 80er-Jahren Umweltschutz als „ethische Aufgabe der modernen Industriegesellschaft“. Er entwickelte daraus Leitsätze wie diesen: „Ich bin der festen Überzeugung, konsequent gehandhabter betrieblicher Umweltschutz schmälert nicht die Ertragskraft eines Unternehmens, sondern hilft, sie auf Dauer zu sichern.“

Heute sei „Nachhaltigkeit in der Wirtschaft längst positiv behaftet“, sagt Hoch. Und neben der Haltung bei Körber sei es auch „der Markt, sind es unsere Kunden und unsere Mitarbeiter, die uns in unserem Kurs bestärken und weiter motivieren.“

Was macht Körber für den Klimaschutz?

  • Organisation: „Wir haben für das Thema bei Körber eine eigene Abteilung. Im Vorstand bin ich verantwortlich. Für den Vorstand koordiniert Michaela Thiel als Head of Sustainability mit ihrem Team unsere Aktivitäten in den Geschäftsfeldern, in denen es jeweils Nachhaltigkeitsverantwortliche gibt.“
  • Incentivierung: Die Klimaziele wurden „zu einem beträchtlichen Teil in den langfristigen variablen Vergütungen verankert.“
  • Energie: Körber setzt stark auf Ökostrom aus erneuerbaren Energien. „Wir nutzen Photovoltaik an nahezu allen Standorten, also auch in Ländern, in denen es keine Förderung gibt“, sagt Hoch. 2022 wurde der gesamte Energieverbrauch laut dem Nachhaltigkeitsbericht um rund neun Prozent gesenkt.
  • Energie: „Wir wollen weg vom Gas“, sagt Hoch. „Ein Modell dafür wird unser Neubau an unserem größten Standort in Hamburg-Bergedorf sein. Das wird technologisch vorbildlich.“
  • E-Autos: „Wir stellen unsere gesamte Fahrzeugflotte auf E-Autos um. Seit Anfang dieses Jahres ist das auch Pflicht. Jedes neue Fahrzeug bei Körber muss ein E-Auto sein.“ 2022 lag der Anteil bei 6,5 Prozent, 2030 soll die gesamte Flotte elektrisch sein.
Solaranlage auf Dach des Körber-Standorts in Richmond in den USA.

Solaranlage auf Dach des Körber-Standorts in Richmond in den USA.
Körber AG

  • Reisen: Hoch: „Wir haben unseren Reiseaufwand deutlich reduziert und klare Richtlinien. Alles, was in fünf Stunden mit der Bahn zu erreichen ist, fahren wir mit der Bahn. Dazu zählt zum Beispiel die Strecke von unserem Stammsitz in Hamburg nach Frankfurt. Das fliegen wir nicht mehr. Schon nach wenigen Monaten haben wir das zu 87 Prozent erreicht. Ausnahmen gibt es nur bei kurzfristigen, wichtigen Kundenterminen oder bei Anschlussflügen zu weiter entfernten Zielen. Und selbst bei längeren Fahrten zum Beispiel von Hamburg nach München nehmen Mitarbeiter immer häufiger den Zug. Und wir reisen natürlich deutlich weniger, machen viel mehr per Video. Das spart nicht nur CO2e, sondern auch Kosten.“
  • Lieferanten. „Klassisch ging es bei Lieferanten immer um Lieferzeit, Preis und Qualität“, erinnert sich Hoch. „Hinzu kommt jetzt die CO2e-Bilanz als gleichgewichtetes Kriterium. Das hat bereits auch zu einer Regionalisierung der Lieferketten geführt. Lieferanten unserer Standorte kommen in aller Regel aus den gleichen Ländern oder Kontinenten.“
  • Entwicklung und Design: „Wir haben Prinzipien und Ziele der Nachhaltigkeit auch für die Entwicklung unserer Produkte eingeführt. Wir haben im Konzern ein Center of Excellence und einen Think Tank für Ecodesign. Wir achten auf das Material, das wir nutzen, und versuchen weniger oder klimaverträglichere Materialien einzusetzen.“ Körber geht davon aus, dass sich in der Produktentwicklung bereits 80 Prozent des späteren Emissionen von Maschinen vermeiden lassen.
  • Lebenszyklus der Produkte: Körber nehme auch die CO2e-Bilanz im Betrieb bei den Kunden in den Blick, sagt Hoch. „Wir sprechen mit unseren Kunden deshalb offen auch darüber, wie sie unsere Produkte nutzen und versuchen sie – falls nötig – zu überzeugen, unsere Maschinen und Anlagen nur mit grüner Energie zu betreiben – und uns dies auch zu bestätigen.“ Hoch berichtet von Gesprächen auf Augenhöhe und sagt auch: „Ich sehe uns hier schon in einer Vorreiterrolle.“

Wie gehen Klimaschutz und Geschäft zusammen?

Hoch nennt drei Felder, in denen mehr Nachhaltigkeit Körber auch geschäftliche Vorteile bringe:

1. Wettbewerb und Kunden:
„Für uns ist es wichtig, schnell zu sein“, sagt der Vorstand. „Es ist ganz klar ein Wettbewerbsvorteil, wenn man zu den Unternehmen gehört, die bei dem Thema früh dran sind“. Längst würden auch Kunden und Lieferanten Druck aufbauen. „Ein Geschäftspartner hat unsere Mitarbeiter bei einem Besuch direkt gefragt, wie sie angereist sind. Er war unmissverständlich, dass er nur Kunden akzeptiert, die mit Bahn oder E-Auto kommen.“

Aus Hochs Erfahrung ist das mehr als ein Einzelfall: „Kunden verlangen immer häufiger nachweislich nachhaltige Produkte. Sie sagen uns auch, ‚sonst können wir nicht mehr bestellen‘. Dann kommen wir nicht einmal mehr auf die Shortlist.“

2. Kosten

„Natürlich kommt in Diskussionen oft die Frage nach den Kosten. Aber das muss ich entschieden zurückweisen“, berichtet Hoch und wird deutlich: „Wenn Manager beim Thema Nachhaltigkeit heute zuerst an Kosten denken, haben sie das Geschäft nicht verstanden.“

„Wir sind ein Drei-Milliarden-Konzern, da dürfen die Kosten unserer Initiativen für Nachhaltigkeit keine Rolle spielen. Nachhaltigkeit senkt oft sogar die Kosten, indem wir zum Beispiel weniger Strom verbrauchen oder weniger fliegen.“ Zur Nachhaltigkeitsoffensive gehöre es ja auch, den Verbrauch zu reduzieren. „Und das spart dann auch Geld.“

„Wenn Manager beim Thema Nachhaltigkeit heute zuerst an Kosten denken, haben sie das Geschäft nicht verstanden.“

Erich Hoch

(COO Körber AG )

Mitarbeiter: Für die Mitarbeiter sei Körbers Haltung zum Klimaschutz und Nachhaltigkeit extrem wichtig. Die Beschäftigten im Unternehmen würden stark darauf achten, dass Körber seine Versprechen auch einhalte. „They keep us honest“, sagt Hoch.

Die Net-Zero-Initiative helfe Körber nicht nur dabei Beschäftigte zu halten und zu motivieren, sondern auch im härter werdenden Kampf um Talente. „In Einstellungsgesprächen fragen Kandidaten uns sehr offen und kritisch, was wir im Bereich Nachhaltigkeit und speziell Klimaschutz machen“, berichtet Hoch. Sein Fazit: „Klimaschutz und unser Net Zero-Ziel helfen uns eindeutig dabei, gute Mitarbeiter zu gewinnen und auch zu halten.“

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