Top-Ökonom: 6 Gründe für ein Comeback der deutschen Wirtschaft


Holger Schmieding, Chefvolkswirt der Berenberg Bank.

Holger Schmieding, Chefvolkswirt der Berenberg Bank.
Horacio Villalobos Corbis/Corbis via Getty Images

Deutschlands Wirtschaft ist 2023 geschrumpft. Auch zu Beginn des neuen Jahres ist die Stimmung mies. Überall nur schlechte Nachrichten?

Nein, sagt Top-Banken-Volkswirt Holger Schmieding. Die Rezession sei überzeichnet, in einigen Minus-Zahlen steckten sogar gute Nachrichten, und für 2024 seien die Aussichten besser als die Stimmung.

Hier sind Schmiedings sechs Argumente gegen einen überzogenen Pessimismus und für mehr Zuversicht für die Konjunktur.

Die Stimmung in der deutschen Wirtschaft ist schlecht, und viele Zahlen sind es auch. Jedenfalls auf den ersten Blick: 2023 ist die Wirtschaftsleistung um 0,3 Prozent geschrumpft. Auch im neuen Jahr erwarten viele Experten einen weiteren Rückgang des Bruttoinlandsproduktes. Top-Ökonom Holger Schmieding geht der grassierende Pessimismus zu weit. Die Rezession sei überzeichnet, in den Zahlen steckten sogar auch gute Nachrichten, und für 2024 sei die Aussicht besser als die Stimmung, sagt der Chefökonom der Berenberg Bank in seinem Podcast „Schmiedings Blick“. Hier sind seine Argumente für einen zuversichtlicheren Blick auf die deutsche Wirtschaft.

1. Die Rezession 2023 ist überzeichnet

Wenn die Wirtschaft schrumpft, ist das natürlich nicht schön, sagt auch Schmieding. 2023 sei insgesamt kein gutes Jahr gewesen. Der Rückgang des BIP um 0,3 Prozent müsse aber in das richtige Verhältnis gesetzt werden. So habe es 2023 durch die Lage der Feiertage weniger Arbeitstage gegeben. Ohne den Kalendereffekt sei das BIP um 0,1 Prozent geschrumpft. „Man kann das eigentlich kaum Rezession nennen. Stagnation ist das bessere Wort“, sagt Schmieding.

Wichtig sei es auch, die Ausgangslage vor einem Jahr nicht zu vergessen. Angesichts der Energiekrise habe es „Ende 2022 noch nach einer wesentlich schärferen Rezession ausgehen.“ Schmieding erinnert daran, dass Volkswirte seinerzeit für 2023 im Durchschnitt von einem Rückgang des BIP um 0,6 Prozent vorausgesagt hätten.

Warum ist die Rezession also eher glimpflich verlaufen? „Hier sollte man auch mal die Ampelregierung ein bisschen loben“, sagt Schmieding. Deutschland habe die Energiekrise im vergangenen Winter recht gut gemeistert. „Dazu hat auch die Ampel mit beigetragen.“

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2. Hinter dem Minus stecken auch positive Ursachen

Der Rückgang des BIP um kalenderbereinigt 0,1 Prozent beinhalte auch Veränderungen, die eigentlich erfreulich seien.

  1. Besonders stark gingen Verbrauch und Erzeugung von Energie zurück. „Hier würde ich sagen: zum Glück“, so Schmieding. Deutschland hat Energie gespart, ist unabhängig von Russland geworden und hat den Anteil fossiler Energie verringert. Schmieding: „Wir haben auch 10 Prozent weniger CO₂ in die Luft gepustet.“
  2. Auch auf der Nachfrageseite gebe es eine „erfreuliche Schwäche“. Mit minus 1,7 Prozent sei der staatliche Konsum besonders stark zurückgegangen – weil weniger Corona-Hilfen nötig waren. „Nicht jeder Rückgang muss eine schlechte Nachricht sein“, so Schmieding.
  3. „Überraschend stark“ sei die Zunahme der Investitionen von Unternehmen in Maschinen, Geräte und Fahrzeuge um 3 Prozent. „Das ist das Gegenteil von Standortflucht“, sagt Schmieding. „Es wird bei uns noch investiert.“ Auch wenn die Zahl durch einmalige Sondereffekte wohl etwas überzeichnet sei.

3. Die Beschäftigung steigt, es wird mehr gearbeitet

Trotz des Rückgangs des BIP ist die Zahl der Beschäftigten auch 2023 weiter gestiegen. Noch nie haben in Deutschland so viele Menschen gearbeitet, Steuern und Sozialbeiträge gezahlt, wie aktuell. „Die Zahl der Beschäftigten ist um 0,7 Prozent gestiegen“, sagt Schmieding. Der Zuwachs entfalle vor allem auf sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze. „Das ist sehr wichtig, denn da geht es um die Zahl der Menschen, die in das Sozialsystem einzahlen.“

„Dass wir am Arbeitsmarkt bis zum Schluss, bis zum Jahresende eine positive Tendenz hatten, lag zum Teil daran, dass wir aus dem Ausland zusätzliche Arbeitskräfte bekommen haben“, betont Schmieding. „Es lag aber auch daran, dass die heimischen Arbeitskräfte mehr gearbeitet haben“. Dazu trage bei, dass „mehr Menschen über das offizielle Renteneintrittsalter hinaus länger arbeiten“ – und zwar überwiegend freiwillig und nicht aus Not. Dies sei alles in allem eine erfreuliche Entwicklung.

4. Die Kaufkraft der Einkommen wächst

Der wichtigste Treiber der Wirtschaft ist der private Verbrauch. 2023 ging er aber um 0,8 Prozent zurück. Hier erwartet Schmieding eine Trendwende. Schon 2023 hatten die Menschen mehr Geld zur Verfügung. Im Gesamtjahr stiegen alle Arbeitseinkommen um 6,7 Prozent. Dies lag an deutlich höheren Löhnen und der gestiegenen Zahl der Arbeitskräfte. Die Preise stiegen über das Jahr aber nur noch um 5,9 Prozent.

Dass die Verbraucher trotzdem weniger für Konsum ausgaben, habe mehrere Gründe. Erstens stiegen Realeinkommen erst im Laufe des Jahres, als die Inflation zurückging. Zweitens dämpften Sorgen und Verunsicherung, auch durch das Heizungsgesetz, die Kauflaune. „Wir haben lieber mehr gespart“, sagt Schmieding. Dazu hätten drittens auch die höheren Zinsen beigetragen, die Sparen attraktiver machen.

2024 sollte der private Konsum aber wieder anziehen. Schmieding erwartet, dass die Löhne und Gehälter um zwei Prozentpunkte stärker steigen als die Preise. Die Kaufkraft der Einkommen steigt also spürbar. Ab dem Frühjahr dürfte der private Konsum die Konjunktur wieder anschieben.

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5. Unternehmen haben Lager bald geräumt

Neben dem privaten Konsum setzt Schmieding darauf, dass auch Unternehmen bald wieder mehr Geld ausgeben. Nach dem Ende der Lieferprobleme infolge der Corona-Krise haben viele Unternehmen ihre Lager „schnell und kräftig aufgefüllt“. Sie wollten lieferfähig zu sein für den Boom nach Corona. Doch der blieb infolge der Schwäche Chinas und des Ukraine-Krieges aus. Sie Unternehmen reagierten darauf, indem sie die Lager wieder abbauten. Solche Lagerkorrekturen bremsen das Wachstum.

„Unternehmen produzierten weniger als sie verkaufen. Und sie bestellen bei ihren Lieferanten noch weniger als sie für die ohnehin gedrückte Produktion benötigen.“ Diese Lagerkorrektur sei aber zeitlich begrenzt, sagt Schmieding: „Es mehren sich die Anzeichen, dass viele Unternehmen ihre Lager wieder hinreichend geräumt haben. Sie könne in Kürze ihre Produktion wieder anheben auf das Niveau ihrer Verkäufe. Und sie können bei Zulieferern wieder mehr bestellen als vorher. „Ich denke, dass eine leichte Erholung im Verarbeitenden Gewerbe durch das Ende der Lagerkorrektur dafür sorg, dass die allgemeine Stimmung ab Ostern – wenn wir Glück haben schon früher – weniger schlecht wird.“

6. Deutschlands Staatsfinanzen gesunden

„Unsere Staatsfinanzen sind halbwegs gesund, im Vergleich zu vielen anderen Ländern sogar richtig gesund“, sagt Schmieding. „Auch das gehört zu den positiven Nachrichten: Der Fehlbetrag im Staatshaushalt ist im gesamten Jahr 2023 auf zwei Prozent der Wirtschaftsleistung gesunken nach 2,5 Prozent im Vorjahr“. Deutschland halte im zweiten Jahr in Folge die Kriterien des Stabilitätspaktes ein. Im Bundeshaushalt ging der Fehlbetrag von 124 auf 72 Milliarden Euro zurück. Die Schuldenquote – das sind die Staatsschulden im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung – sinke in Richtung des Zielwertes von höchstens 60 Prozent.

Für 2024 sehe es sogar noch besser aus. Das liege vor allem an gesunkenen Gaspreisen. Der Staat müsse weniger Geld ausgeben, um Preise mit Subventionen künstlich zu senken. „Für dieses Jahr zeichnet sich ein weiterer deutlicher Rückgang der staatlichen Neuverschuldung ab“, sagt Schmieding.

Fazit: Das Wachstum kann 2024 anziehen

Seine Prognose fasst Schmieding so zusammen: „Ich erwarte einen etwas schwächeren Start im neuen Jahr 2024, aber einen relativ guten Abschluss des Jahres.“ Insgesamt sollte 2024 ein Wachstum von 0,6 Prozent für Deutschland und 0,7 Prozent für die Euro-Zone herauskommen. Im folgenden Jahr 2025 traut Schmieding Deutschland dann 1,5 Prozent Wachstum zu. „Das wäre für unsere Verhältnisse recht gut.“

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