„Wie Unfall gefühlt”: Investor Philipp Klöckner über Berufseinstieg


Philipp Klöckner ist Multimillionär und einer der bekanntesten Tech-Investoren Europas. Ein Gespräch über seinen fehlenden „Killer-Instinkt” und prägende Momente seiner Kindheit.

Der 43-Jährige Philipp Klöckner berät nach seiner eigenen steilen Karriere in der Startup-Welt heute Private Equity Firmen und VC Fonds bei ihren Anlagen. Außerdem investiert er selbst in Startups.

Der 43-Jährige Philipp Klöckner berät nach seiner eigenen steilen Karriere in der Startup-Welt heute Private Equity Firmen und VC Fonds bei ihren Anlagen. Außerdem investiert er selbst in Startups.
Rising Media / SMX Konferenz

Philipp Klöckner gibt sich bescheiden. Er wuchs in einem Plattenbau in Greifswald auf, in der damaligen DDR. Sein Vater war Lehrer, seine Mutter Ärztin. Lange hätten ihn berufliche Selbstzweifel verfolgt. „Impostor-Syndrom”, wie er sagt. Bis heute scheinen ihm Leute auf dem Papier besser qualifiziert zu sein, über Dinge zu reden, als er. Als er nach seinem Erfolg beim Vergleichsportal Idealo zu Rocket-Internet, der Startup-Schmiede der Samwer-Brüder, wechselte, habe er sich „wie ein Unfall” gefühlt.

Aufgehalten hat ihn das alles nicht. Klöckner ist Multimillionär, einer der berühmtesten Tech-Investoren Europas, bekannter Podcast-Host und Berater. In den letzten 15 Jahren half er nach eigenen Angaben über 100 Startups mit seinem Wissen oder Investitionen.

Im Gründerszene Flashback-Interview spricht Klöckner mit uns über seine Kindheit und die Zeit vor dem großen Erfolg, wieso er bis heute keine „Killerinstinkte” hat, warum sein moralischer Kompass manchmal viel zu groß ist und welches typische Gründer-Verhalten in der Startup-Welt ihn stört. 

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Hi Philipp, wie war das Verhältnis zu deinen Eltern?

Ich würde sagen, dass ich sehr liebevoll und behütet aufgewachsen bin. Ich war meiner Mutter schon immer sehr nahe und ich glaube, dass ich auch viele Eigenschaften von ihr übernommen habe.

Kannst du die Eigenschaften beschreiben?

Ein Therapeut würde vielleicht sagen: ein überaktives Gewissen, so eine Art Übermoralismus. Was man manchmal raushört, wenn ich über andere richte. Man kann sich sicher sein, dass ich das auf mich selbst auch sehr stark anwende. Also der Versuch, Dinge immer richtig zu machen und sich dabei auch ein bisschen zu sehr durch die Augen anderer zu sehen. Bis zu einem gewissen Grad finde ich das eine gute Eigenschaft.

Greifswald war bis zu deinem neunten Lebensjahr Teil von der DDR. Wie hast du das als Kind erlebt?

Es war eine relativ unbehelligte Kindheit. Ich habe die DDR eigentlich ohne große Restriktionen erlebt und die negativen Aspekte des Systems noch nicht verstanden. Heute würde ich sagen: In der DDR wäre ich entweder ein furchtbarer Opportunist geworden oder würde schon längst im Gefängnis sitzen. Dazwischen hätte es nicht viel gegeben. 

Wie bist du durch die Schulzeit gekommen, warst du Lehrerliebling, unauffällig oder eher Klassenclown?

Definitiv Typ Klassenclown. Ich fand Schule furchtbar langweilig. Ich konnte nie verstehen, warum andere Schüler rangenommen wurden, die die Antwort sowieso nicht wussten. Mir waren die Aufgaben zu einfach. Aus heutiger Sicht würde man sagen, es war bei mir eine Mischung zwischen ADHS und schwerer Unterforderung. Damals gab es das Thema nicht.

Wie sind deine Eltern damit umgegangen?

Ich kann mich erinnern, als ich mit den ersten Hausaufgabenheft-Einträgen nach Hause kam – „Philipp hat heute wieder den Unterricht gestört”, stand da in der Regel drin – dass meine Mutter und ich geweint haben. Für sie war es Horror, ein Kind zu haben, das sich schlecht in der Schule benimmt.

Was hat das mit dir gemacht?

Ich habe mich vollkommen machtlos gefühlt. Ich konnte es nicht abstellen, so sehr ich auch wollte. Das hat mich nachhaltig geprägt.

Hat man dich jemals auf Hochbegabung getestet?

In meinen Schulzeiten in den Neunzigern gab es das gar nicht. Im Studium hab ich dann den Test gemacht und ja, ich würde die Kriterien für Hochbegabung heute erfüllen.

Wie hast du es denn ohne diese Erkenntnis durch die Schulzeit geschafft?

Es wurde besser in der Sekundarstufe II mit dem Wahlpflichtunterricht. Ich konnte Fächer nach meinen Vorlieben aussuchen und hatte ab und zu Lehrer, die mich herausforderten.

Gibt es da einen bestimmten Lehrer, den du meinst?

Meine Biologielehrerin. Sie gab uns am Ende von Klausuren immer die Möglichkeit auf Zusatzpunkte. Wenn wir schnell genug fertig waren, konnten wir uns selbst noch Aufgaben stellen und bekamen für gute Antworten Punkte. Ich wusste, dass sie die Galapagos-Inseln liebt. Also hab ich mich vor jeder Klausur schlau gemacht: Wo liegen die Galapagos-Inseln? Welche Arten von endemischen Finken oder welche Schildkröten gibt es dort? Das war eine lustige Herausforderung.

Was hast du von der Erfahrung mitgenommen?

Ich hab gelernt, wenn ich mich für etwas interessiere, mache ich Dinge zehnmal besser. Das war dann auch genauso in meinem ersten Job bei Idealo. Als ich dort anfing, gab es nur 40 Mitarbeiter und kein mittleres Management. Ich habe als eine Art Praktikant angefangen und einmal an der richtigen Stelle gesagt, ich könnte hier bei etwas helfen. Dadurch hab ich einen kleinen Aufstieg gemacht und an Vertrauen gewonnen. Danach konnte ich mir den Job im Prinzip aussuchen. Ich konnte auf einmal im Business Development arbeiten, die ersten Analysetools bauen. Ich habe gleichzeitig im Marketing, in der Suchmaschinenoptimierung und als Produktmanager gearbeitet. Ich ging also meinen Interessen nach.

Mit dem moralischen Kompass deiner Mutter und deinen Kindheitserlebnissen – wie blickst du heute auf die Startup-Welt?

Mich stört das Prinzip: „Fake it, ‚till you make it.“ Es ist normal, dass man als Startup ein bisschen mehr verkauft, als man schon leistet. Wenn das zu übertrieben ist oder insgesamt auf Kosten anderer passiert, das ist etwas, wo ich gerne auf die Ungerechtigkeit aufmerksam mache. Und ich bin kein Fan von Unternehmer- und Elitenkult. Ich habe mich insbesondere bei Rocket Internet, wo selbst die Praktikanten aus dem Investmentbanking oder von den besten Universitäten kamen, wie ein Unfall gefühlt.

Du hast dich wie ein Unfall gefühlt. Wegen deiner Herkunft?

Als jemand, der aus dem Osten kam: Die Professoren an meiner Universität (Klöckner studierte BWL an der Universität Greifswald, Anm. d. Red.) waren zwar sehr gut, aber die Reputation der Uni war nicht zwangsläufig gut. Als jemand, der nie im Ausland war, nie ein Praktikum gemacht und nur in seiner Heimat studiert hatte, habe ich mich bei Rocket natürlich komplett fehl am Platz gefühlt, also das maximale Impostor-Syndrom.

Wie siehst du das jetzt? Und beeinflusst es deine heutigen Investment-Entscheidungen?

Bis heute sind in so vielen Meetings auf dem Papier erstmal alle Leute deutlich besser qualifiziert als ich, über etwas zu reden. Was Investments betrifft, da gibt es zwei Dinge, die mir besonders wichtig sind. Ich möchte Leute fördern, die etwas gründen, was ich in der Welt sehen will. Etwas, das die Welt auf keinen Fall schlechter und im Idealfall deutlich besser macht. Und ich versuche Menschen den Benefit zu geben, die nicht in das klassische Raster passen. Das ist nicht nur eine rein menschliche Entscheidung. Wenn man sich die Daten anschaut, dann sind das genau die Leute, die die Welt verändern.

Philipp, vielen Dank für das Gespräch.

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